Gerbrunn

Gerbrunner Gespräch: Wissenschaft und Gesellschaft | ► 2011

Energiewende, Epidemien und Ethik

So könnte man die drei Themen umreißen, die Prof Dr. Jörg Hacker, Präsident der deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, in den Mittelpunkt seines Vortrags »Wissenschaft und Gesellschaft« im Rahmen der Gerbrunner Gespräche der SPD stellte.

Die Akademie, gegründet in Schweinfurt und heute in Halle, wurde nach ihrer Erhebung zur nationalen Akademie in den letzten Jahren als Gegenstück zu den anglosächsichen und französischen Akademien ausgebaut. Dabei wurde die klassischen Aufgaben einer Akademie, die Förderung der Forschung und den Ausbau internationaler Beziehung um eine wichtige Aufgabe erweitert, die unabhängige Beratung der Politik und Gesellschaft.

So nahm die Akademie an der Tagung des Ethikrats zur Energiewende teil. Die Akademie sieht Forschungsbedarf vor allem in den Gebieten Energieeffizienz (Einsparungen, Verbesserung der Wirkungsgrade), im Netzausbau, bei Speichertechnologien sowie in der Dezentralisierung.

Im zweiten Teil gab Prof. Hacker einen Überblick über den Stand Diskussion zu Fragen der Gentechnik. Die sich dramatisch änderten Randbedingungen unserer Erde wie Bevölkerung, Klimawandel und Globalisierung bedeuten riesige Herausforderungen. Heute leben fast 7 Milliarden Menschen auf der Erde, deren Ernährung und medizinische Versorgung sichergestellt werden muss. So begünstigen Klimawandel und Globalisierung das Ausbreiten von tropischen Krankheiten auch in unsere Breiten. Die Gentechnik und ihre noch in den Anfängen steckende Weiterführung, der synthetischen Biologie, können Lösungen bieten und werden daher weiter Bedeutung gewinnen. Wie weit kann das beim Menschen gehen?

Es wird ein Stufenmodell der Gentechnik vorgeschlagen, bei dem die erste Stufe, gentechnische hergestellte Medikamente, inzwischen voll akzeptiert ist und auch kaum ethische Fragen aufwirft. Die nächste Stufe, die Therapie mit Genen bei genetischen Erkrankungen (somatische Gentherapie) kämpft mit Problemen, ist aber ethisch prinzipiell vertretbar. Etwas schwieriger ist es mit der nächsten Stufe, der Keimbahntherapie (Gentherapie an Eizellen oder Stammzellen). Hier ist die Diskussion noch in vollem Gange, zu diesem Fragenkreis kann z. B. auch die Problematik der Präimplantationsdiagnose (PID) gerechnet werden. Das kürzlich verabschiedete Gesetz beruht hier zum guten Teil auf der Empfehlung der Leopoldina. Die vierte Stufe wäre das sogenannte »Enhancement« (»Verbesserung«), das darauf abzielt, eigentlich gesunde Menschen zu »verbessern«, etwa Steigerung der Intelligenz. Dies muss aus ethischen Gründen abgelehnt werden.

In ihrer Rolle als »gastlicher Ort für einen freien Geist« ist die Akademie Leopoldina dabei noch mehr Bedeutung in der Wissenschaft und Politik gewinnen.